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    Muskuloskelettales Centrum Würzburg

    Rachitis in Nigeria - Das Projekt wird als Anbahnungsmaßnahme vom BMBF gefördert

    Das Projekt wird durch das BMBF im Rahmen einer Anbahnungsmaßnahme gefördert. Derzeit werden in der Medizin/Tropenmedizin und in der Geographie Doktoranden rekrutiert und das Team plant weitere Exkursionen nach Nigeria. Im nächsten Jahr ist ein Workshop über die Problematik der Calciummangel-Rachitis geplant, über den wir Sie rechtzeitig unterrichten werden. Koordinatorin der BMBF Maßnahme ist Frau Prof. Dr. Barbara Sponholz, vom Lehrstuhl für Geographie I, Arbeitsgruppe Physische Geographie.

    Kontakt: barbara.sponholz@uni-wuerzburg.de

    Kinder in Nigeria mit Rachitis

    Unter der Federführung der Kinderärztin und Tropenmedizinerin Dr. Christa Kitz vom Missionsärztlichen Institut in Würzburg, derzeit an der Universitätskinderklinik in Würzburg beschäftigt, betreibt ein Konsortium von Wissenschaftlern ein Projekt, dass sich mit dem Phänomen der Rachitis in Nigeria beschäftigt. Seit mehreren Jahrzehnten ist bekannt, dass in verschiedenen afrikanischen Regionen eine gehäufte Inzidenz von Rachitis vorkommt. In der Gegend von Kaduna in Nigeria scheint sich nun eine besonders hohe Inzidenz zu manifestieren. Der Hilferuf der lokalen Nichtregierungsorganisation (NRO) „Hope for the village child“, die sich um Gesundheitsdienste, Landwirtschaft, Schulen und Frauenförderung in Dörfern südöstlich der Millionenstadt Kaduna kümmert, initiierte das Projekt. Seit den frühen 1990er-Jahren beobachteten Mitarbeiter der NRO zunehmend monströse Knochen und Gelenkverformungen der Beine von Kindern in allen Dörfern der Region. Ein dort angesiedeltes lokales Projekt, Hope for the Village Child HVC, beobachtete das hohe Aufkommen von Rachitis Fällen in ihren Projektdörfern und wandte sich Hilfe suchend an die kirchliche Hilfsorganisation MISEREOR und das Missionsärztliche Institut als katholische Fachstelle für internationale Gesundheit.

    Immer mehr Kinder waren von Skelettmalformationen betroffen, die offensichtlich auf eine aktive Rachitis zurückzuführen sind. Die Ursache dieser Rachitis ist eine extrem niedrige Kalziumzufuhr, die sicher unter 200 mg/Tag zu liegen kommt (weniger als 1/5 des Tagesbedarfs). Es scheint jedoch neben dem extremen Kalziummangel noch weitere begünstigende Faktoren für die klinische Manifestation der Rachitis zu geben. Einerseits wird ein zusätzlicher genetischer Faktor vermutet, zum anderen könnten weitere Mangelzustände, wie beispielsweise ein Selenmangel fördernd für das Manifestwerden der Skelettveränderungen sein. Die Kinderärztin Dr. Kitz hat mittlerweile über 800 Kinder in der näheren Umgebung von Kaduna katalogisiert und mit Kalzium behandelt. Finanziert wird das Projekt durch das katholische Hilfswerk MISEREOR und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ). Sämtliche wissenschaftlichen Leistungen werden von den einzelnen Instituten selbst getragen.

    Die therapeutischen Erfolge sind unerwartet gut und sehr erfreulich, selbst bei älteren Kindern, die schon bleibende Verformungen besonders der Beine aufwiesen. Nur bei etwa 15 % der betroffenen Kinder ist nach einer mindestens 1-jährigen medikamentösen Therapie noch eine orthopädische Korrekturoperation notwendig. Diesen besonderen ausgewählten Fällen widmete sich Oberarzt Privatdozent Dr. Peter Raab aus dem König-Ludwig-Haus mit Unterstützung des Bezirks Unterfranken und des Lehrstuhls Orthopädie. Er operierte zusammen mit einem nigerianischen orthopädischen Chirurgen einige dieser Kinder und konnte beeindruckende funktionelle Verbesserungen und Begradigungen der Extremitäten erreichen.

    Im Rahmen der Ursachenforschung nach begünstigenden Faktoren sind zwei weitere Würzburger Wissenschaftlergruppen aktiv. Aus dem Orthopädischen Zentrum für Muskuloskelettale Forschung am Lehrstuhl Orthopädie beschäftigen sich besonders Frau Dr. rer. nat. Regina Ebert und Herr Prof. Dr. Franz Jakob mit der Erforschung der möglichen genetischen Ursachen und mit den Auswirkungen eines Mangels an dem Spurenelement Selen. Die Forscher haben in ihren bisherigen Ergebnissen weitgehend ausschließen können, dass in der Signalvermittlung des Vitamin-D-Hormons genetische Defekte liegen. Weitere Untersuchungen zu genetischen Ursachen sind unterwegs. Die Arbeitsgruppe beschäftigt sich seit Langem auch mit Mangelzuständen des Spurenelementes Selen und hatten prima vista den Verdacht, dass hier ein Selenmangel zusätzlich im Spiel sein könnte, da aus Zentralafrika entsprechende Krankheiten in früheren Zeiten berichtet wurden. Tatsächlich sind bei den betroffenen Kindern die Enzymaktivitäten selenabhängiger Enzyme im Blut deutlich erniedrigt und die Spurenelementanalysen für Selen fielen extrem niedrig aus. Diese Ergebnisse wurden in eindrucksvoller Weise untermauert durch Untersuchungen der geologischen Wissenschaftlergruppe um Frau Prof. Dr. Barbara Sponholz vom Institut für Geographie und Geologie an der Universität Würzburg. Sie unterstützte das Projekt spontan mit einer Untersuchung vor Ort, in der sie große Mengen an Bodenproben und Wasserproben asservierte und Interviews mit den Betroffenen in den jeweiligen Dörfern führte. Ihre bisherigen Ergebnisse deuten darauf hin, dass es wohl im Rahmen von Auslaugungsphänomenen bei intensivierter Landwirtschaft und hohem Nutzungsdruck infolge Bevölkerungswachstums zu einer extremen Verarmung der Böden an Kalzium und Selen kommt.

    Insgesamt ergab sich aus den Darstellungen der Wissenschaftler ein eindrucksvolles und geschlossenes Bild zur Ursachenforschung der Kalziummangelrachitits in diesen Regionen. In der abschließenden Diskussion stellte sich die Frage, inwieweit diese Phänomene auch auf andere Regionen der Welt übertragbar sind, wo ähnliche geologische und klimatische Verhältnisse herrschen und wo ebenfalls bereits einzelne Berichte über ein verstärktes Auftreten von Rachitis zu lesen waren, wie z.B. in einer Region in Bangladesh. Die bevölkerungsweite Prävention des Vorkommens dieser Kalziummangelrachitis wäre eigentlich für unsere Verhältnisse recht einfach, beispielsweise erreichbar durch verstärkte Anwendung von kalzium- und selenhaltigen Düngemitteln auf den Feldern. Obwohl aber Nigeria ein relativ reiches afrikanisches Land ist, das aufgrund seiner Ressourcen nicht mehr auf der Liste der Bundesrepublik Deutschland für unterstützungswürdige Länder steht, haben es die lokalen politischen und kulturellen Verhältnisse in den letzten Jahrzehnten nicht ermöglicht, zentral gesteuerte und auch nachhaltige Maßnahmen zur Prävention dieser Erkrankung umzusetzen. Neben weiteren wissenschaftlichen Analysen zur Festigung der bisher gewonnenen Erkenntnisse, wären somit auch politische Maßnahmen unbedingt notwendig. Die berichteten Phänomene könnten sogar weltweite Bedeutung für bestimmte geographische Regionen haben. An diesem Abend wurde klar, dass für die interdisziplinäre Forschergruppe mit den jetzt gewonnenen Erkenntnissen noch nicht das Ende der Geschichte erreicht ist und dass sie das Projekt auch zukünftig mit allen Kräften verfolgen wollen.

     

     

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